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Zehn Cent pro Million: Die KI-Preisuntergrenze ist erreicht, die Rechnung verlagert sich

Am 7. Oktober stellte Anthropic Claude Haiku 5.5 mit $0.10 pro Million Eingabetokens auf das Niveau von GPT-6 Luna. Zwei Anbieter, eine Preisuntergrenze, während OpenAI rund $1.4 Billionen Bewertung anstrebt und Google 3.6 Gigawatt Strom reserviert. Der Listenpreis unterscheidet die Anbieter nicht mehr: Die tatsächliche Rechnung steckt in Schwellen, Multiplikatoren und Fristen.

Meotis Research12. Oktober 20269 Min. Lesezeit

Schwarz-weisse Gravur: Die Basis eines monumentalen Steinmonolithen zermahlt zu einem dünnen Strom leuchtender Körner, der zu einem kleinen polierten, von innen leuchtenden Kiesel im Dunkeln fliesst

Am 7. Oktober 2026 nahm Anthropic Claude Haiku 5.5 für $0.10 pro Million Eingabetokens und $0.50 für Ausgaben in Betrieb. Das ist centgenau der Preis von GPT-6 Luna, das OpenAI am 22. September veröffentlicht hatte. Die beiden führenden US-Labore bieten nun dieselbe Preisuntergrenze. Bei Anthropic liegt sie zehnmal unter der bisherigen, Haiku 4.5 zu $1. Im selben Zeitraum begann OpenAI Gespräche über mindestens $30 Milliarden neues Kapital bei einer Bewertung von rund $1.4 Billionen. Google schloss Stromverträge über 3.6 Gigawatt ab. Am 2. September schrieben wir, der Tokenpreis sei zwischen Generationen nicht mehr vergleichbar. Sechs Wochen später hat sich der Befund verschärft: An der Preisuntergrenze unterscheidet der Listenpreis die Anbieter nicht mehr. Entscheidend ist alles, was nicht gross auf der Preisliste steht.

Die Untergrenze wurde in drei Wochen zweimal erreicht

Der September war ungewöhnlich dicht. OpenAI startete GPT-6 Astra am 3. September für $10 / $50, dann GPT-6 Sol und GPT-6 Luna am 22. September für $2 / $10 beziehungsweise $0.10 / $0.50. Sieben Tage später, am 29. September, ersetzte GPT-6.1 Sol das Vorgängermodell zum selben Basistarif. Eingaben aus dem Cache wurden von $0.20 auf $0.10 gesenkt. Anthropic antwortete in drei Schritten: Claude Opus 5.5 am 22. September für $4 / $20, 20% weniger als Opus 5 ($5 / $25); Claude Sonnet 5.5 am 28. September für $2 / $10; schliesslich Haiku 5.5 am 7. Oktober.

Der Sprung bei Haiku ist am eindrücklichsten. Der Vorgänger Haiku 4.5 kostet weiterhin $1 / $5. Nominal beträgt die Senkung 90%. Dabei muss unsere im September dokumentierte Korrektur berücksichtigt werden: Claude 4.7 und spätere Modelle verwenden einen Tokenizer, der laut Anthropic für denselben Text ungefähr 30% mehr Tokens erzeugt. Haiku 4.5 nutzt den alten Tokenizer. Für dasselbe Dokument kostet Haiku 5.5 damit rechnerisch $0.13 statt $1 bei Haiku 4.5. Der tatsächliche Rückgang bei kurzen Prompts beträgt etwa 87%. Das bleibt eindrücklich, ist aber an eine Bedingung geknüpft.

Diese Bedingung ist eine Schwelle von 100’000 Tokens. Oberhalb davon wechselt jede Haiku-5.5-Anfrage vollständig auf einen zweiten Tarif von $0.50 / $2.50, das Fünffache. Für die Schwelle zählen sämtliche Eingabetokens, auch Cache-Lese- und Schreibzugriffe. Sie wird pro Anfrage geprüft. Lange Fallakten, Agenten mit wachsender Historie und die Verarbeitung von Vertragsdokumenten sind genau jene Anwendungen, bei denen die Preisuntergrenze nicht gilt.

Was die Anbieter nun unterscheidet: Multiplikatoren

Wenn zwei Tabellen denselben Betrag ausweisen, steckt der Unterschied in den Nebenpositionen. Drei davon haben sich in den vergangenen drei Wochen verändert.

Cache-Lesezugriffe. Bei Opus 5.5 und Sonnet 5.5 berechnet Anthropic für das Lesen aus dem Cache inzwischen das 0.05-Fache des Eingabepreises, gegenüber dem Faktor 0.1 bei früheren Generationen. Das sind $0.20 pro Million bei Opus 5.5 und $0.10 bei Sonnet 5.5. Bei Haiku 5.5 wie bei GPT-6 Luna sinkt der Wert auf $0.01. Für Agentenaufgaben, deren Kontext Dutzende Male erneut gelesen wird, wiegt dieser Multiplikator schwerer als der Eingabepreis selbst.

Reasoning-Tokens. Am 6. Oktober öffnete Mistral die öffentliche Vorschau von Mistral Large 4, einem Modell mit 1.05 Billionen Parametern, davon 52 Milliarden pro Token aktiv, und einem Kontextfenster von einer Million Tokens. Der Listenpreis beträgt $1.36 / $4.18. Ein im Änderungsprotokoll für zwei Wochen angekündigter Einführungsrabatt senkt ihn auf $0.68 / $2.09. Ein genaues Enddatum fehlt; ab dem Start gerechnet wäre es ungefähr der 20. Oktober. Der Preis ist attraktiv und befristet. Eine am 8. Oktober aufgegriffene unabhängige Messung schätzt jedoch, dass ungefähr 75% der Ausgabetokens Reasoning-Tokens sind, die Nutzer nie lesen. Der Millionenpreis sagt nichts darüber aus, wie viele Millionen eine Aufgabe verbraucht. Zwei Modelle mit gleichem Tarif können dieselbe Frage deshalb sehr unterschiedlich teuer beantworten. Der Anteil stammt aus einem externen Benchmark von Artificial Analysis; wir haben ihn nicht reproduziert.

Standort. Die für Schweizer Entscheider nützlichste Angabe steht in Mistrals Preistabelle: Laut Dokumentation kostet die Option regionale EU oder USA das 1.1-Fache des Listenpreises. Für Ausgaben von Large 4 sind das rund $4.60 pro Million, also 1.1-mal $4.18, gegenüber $2.09 zum Einführungstarif. Sobald Daten in Europa bleiben sollen, ist das mehr als das Doppelte. Mistral sagt nicht, ob der Einführungsrabatt auch für regionale Endpunkte gilt. Im September beobachteten wir denselben Aufschlag von 10% bei Anthropic, sowohl für die eigene API als auch bei Amazon Bedrock und Google Cloud. Er gilt weiterhin. Geografische Kontrolle ist bei amerikanischen Anbietern ebenso wie beim europäischen Spitzenanbieter zur Standardposition geworden.

Die nächste Erhöhung hat bereits ein Datum: 1. Januar 2027

Google hat seine Tarife nicht auf dieselbe Untergrenze gesenkt. Gemini 3.6 Flash kostet bis zum 31. Dezember 2026 $0.75 / $3.75. Googles Preisseite sieht ab dem 1. Januar 2027 $1.50 / $7.50 vor, eine Verdopplung. Gemini 3.1 Pro bleibt bei $2 / $12 für Prompts bis 200’000 Tokens.

Der September mahnt zur Vorsicht in beide Richtungen: Die geplante Erhöhung für Claude Sonnet 5 wurde zum Fristablauf gestrichen. Wer heute sein Budget für 2027 auf den aktuellen Gemini-3.6-Flash-Tarif stützt, wettet jedoch auf eine bislang nicht angekündigte Streichung. Google senkt dafür Bildpreise: Am 6. Oktober halbierte Nano Banana 2.1 die Kosten eines 1K-Bildes von $0.067 auf $0.0336. Bei 4K beträgt die Senkung nur ungefähr ein Viertel, von $0.151 auf $0.113.

Bei Abonnements bleiben die Einstiegspreise unverändert: ChatGPT Plus und Claude Pro kosten $20 monatlich, Google AI Pro in den USA $19.99. Verändert wird, was man dafür erhält. OpenAI begann am 7. Oktober mit der Einführung von GPT-6 in ChatGPT. GPT-6 Luna wurde für Free und Go ($8) ab dem 8. Oktober angekündigt. Das Angebot gliedert sich weiter in Stufen zu $100 und $200 pro Monat, Claude Max und ChatGPT Pro. OpenAI ergänzte am 29. September eine Pro-Stufe zu $500. Die Angaben zur ChatGPT-Einführung und zu den Preisen stammen aus OpenAIs von der Presse wiedergegebenen Versionshinweisen. Die ChatGPT-Hilfeseite konnten wir nicht direkt einsehen.

Unter der Preisuntergrenze: teure Rechenleistung, reservierte Energie

Der Tokenpreis fällt, doch die dafür benötigte Rechenleistung bleibt teuer und volatil. Der Ornn-Index, täglich aus tatsächlich abgeschlossenen GPU-Mietgeschäften berechnet und auf Bloomberg geführt, lag am 11. Oktober bei $2.65 pro H100-Stunde, $5.61 für eine H200 und $7.45 für eine B200. Eine B200-Stunde kostet weiterhin fast dreimal so viel wie eine H100-Stunde. Auch die ausgeschriebenen bedarfsabhängigen Tarife streuen: RunPod nennt in seiner Community-Cloud $3.59 pro H200-Stunde und $6.94 für eine B300.

Energie ist der zweite Engpass. Am 6. Oktober kündigten Google und Constellation Energy eine Vereinbarung über 3’590 Megawatt im PJM-Netz an, dem grössten der USA. Das Kleingedruckte zählt: Nur 890 Megawatt sind neue Kernkraftkapazität, aus Leistungserhöhungen von elf Reaktoren an sechs Standorten in Illinois, Pennsylvania und New Jersey. Sie werden über einen Zwanzigjahresvertrag bezogen, erste Lieferung voraussichtlich 2028. Die übrigen 2’700 Megawatt stammen aus Constellations bestehendem Kraftwerkspark und fallen unter einen Fünfzehnjahresvertrag. Die Vereinbarung löst bei Constellation Investitionen von mehr als $4.3 Milliarden aus. Hyperscaler reservieren also heute den Strom der kommenden Jahre. Diese Verpflichtungen müssen die heutigen Niedrigstpreise später amortisieren.

Kapital sucht dagegen keine Untergrenze

Am 29. September berichtete Bloomberg, OpenAI spreche über eine Kapitalaufnahme von mindestens $30 Milliarden bei rund $1.4 Billionen Bewertung vor dem neuen Kapital. Im März hatte das Unternehmen $122 Milliarden bei $852 Milliarden Bewertung aufgenommen. Die Gespräche befinden sich in einer frühen Phase. Sam Altman hat einen Börsengang 2026 ausgeschlossen. OpenAIs annualisierte Umsatzrate überschritt im August $40 Milliarden, laut Bloomberg vom 13. August. Seither weichen die Schätzungen ab: Ende September laut Axios fast $70 Milliarden, laut Financial Times vom 8. Oktober ungefähr $50 Milliarden. Das sind Presseschätzungen, keine veröffentlichten Abschlüsse. Anthropic verpflichtete sich im Mai laut dem am 20. Mai veröffentlichten SpaceX-Börsenprospekt, bis Mai 2029 monatlich $1.25 Milliarden für die Miete von Rechenkapazität der Colossus-Rechenzentren an SpaceX zu bezahlen.

Darunter segmentiert sich der Markt. Factory, spezialisiert auf KI-Agenten für Softwareentwicklung, nahm am 15. September $200 Millionen bei $5 Milliarden Bewertung auf. Nous Research erhielt am 7. Oktober $90 Millionen bei $1.5 Milliarden Bewertung, um seinen quelloffenen Hermes-Agenten in Unternehmen zu bringen. Am 10. und 11. Oktober berichteten zuerst die Financial Times und dann das Wall Street Journal, Nvidia verhandle über eine weitere Beteiligung an oder die Übernahme von Reflection AI, einem Spezialisten für offene Modelle. Amazon spreche über den Kauf des Start-ups Decart für ungefähr $7 Milliarden. Diese letzten beiden Transaktionen sind berichtete Gespräche, von den Parteien nicht bestätigt.

Dieses Nebeneinander ist der Schlüssel zum Verständnis der Phase. Anbieter können eine Million Tokens für zehn Cent verkaufen, weil ihre Umsätze steigen und ihre Kapitalgeber die Differenz finanzieren. Die Preisuntergrenze ist kein Selbstkostenpreis. Sie ist eine durch Kapital finanzierte Marktposition und damit veränderbar.

Vergleichstabelle der API-Preise

Modell Eingabe ($/Mio. Token) Ausgabe ($/Mio. Token) Hinweis
GPT-6 Astra 10.00 50.00 Start 3. September; Eingaben aus dem Cache $1.00
GPT-6.1 Sol 2.00 10.00 Seit 29. September Nachfolger von GPT-6 Sol; Cache $0.10 (bei Sol $0.20)
GPT-6 Luna 0.10 0.50 Seit 22. September; Cache $0.01
Claude Fable 5.1 10.00 50.00 Cache-Lesezugriffe $0.25
Claude Opus 5.5 4.00 20.00 Seit 22. September, 20% unter Opus 5; Cache $0.20; Fast-Modus 8 / 40
Claude Sonnet 5.5 2.00 10.00 Seit 28. September; Cache $0.10
Claude Haiku 5.5 0.10 0.50 Seit 7. Oktober; 0.50 / 2.50 oberhalb von 100k Tokens
Claude Haiku 4.5 1.00 5.00 Alter Tokenizer, nicht zeilenweise vergleichbar
Gemini 3.1 Pro 2.00 12.00 Prompts bis 200k Tokens
Gemini 3.6 Flash 0.75 3.75 Bis 31. Dezember 2026; 1.50 / 7.50 ab 1. Januar 2027
Mistral Large 4 (Vorschau) 0.68 2.09 Zwei Wochen 50% Einführungsrabatt; Liste 1.36 / 4.18; regionale EU/USA ×1.1 des Listenpreises
Grok 4.7 2.00 6.00 xAI-Spitzenmodell; 4.00 / 12.00 ab 200k Tokens (gesamte Anfrage)
DeepSeek V4 Pro 1.32 3.96 Spitzentarif, ausserhalb der Spitzenzeiten die Hälfte
DeepSeek V4.1 Flash 0.15 bis 0.30 0.60 bis 1.20 Nebenzeit / Spitzenzeit

Preise im Oktober 2026 den offiziellen Preisseiten von Anthropic, OpenAI, Google, xAI und DeepSeek sowie Mistrals offizieller Modellseite entnommen. Bei Mistral ist der Listenpreis angegeben; der Einführungspreis wurde aus dem angekündigten Rabatt von 50% berechnet. Claude 4.7 und spätere Modelle zählen für denselben Text ungefähr 30% mehr Tokens. Reasoning-Modelle berechnen Tokens, die Nutzer nicht lesen. Die Zeilen dieser Tabelle messen deshalb nicht dasselbe und sind ohne Tests an den eigenen Arbeitslasten nicht direkt vergleichbar.

Was Schweizer Entscheider daraus mitnehmen sollten

Innerhalb von drei Wochen haben die beiden grossen amerikanischen Labore dieselbe Preisuntergrenze erreicht, bei Anthropic zehnmal tiefer als die bisherige. Das ist gut für Massenverarbeitung wie Klassifikation, Zusammenfassung, Extraktion und E-Mail-Sortierung. Es gelten jedoch drei Vorbehalte. Die Untergrenze hat Schwellen: Oberhalb von 100’000 Tokens pro Anfrage kostet Haiku 5.5 fünfmal mehr. Die Untergrenze hat Fristen: Gemini 3.6 Flash verdoppelt seinen Preis am 1. Januar. Mistral Large 4 kehrt nach Ende des Einführungsrabatts zum Listenpreis zurück. Die Untergrenze gilt nicht für Souveränität: Sollen die Daten in Europa bleiben, kostet das 10% mehr als der Listenpreis. Laut Mistrals Dokumentation wird dieser Aufschlag auf den Listenpreis berechnet, nicht auf den rabattierten Preis.

Diese drei Vorbehalte führen mit neuer Dringlichkeit zur Schlussfolgerung des vergangenen Monats. Wenn jeder Anbieter denselben Preis nennt, gewinnt derjenige, der jede Aufgabe dem passenden Modell zuweisen, ihre tatsächlichen Kosten messen und beim Wechsel einer Preistabelle sofort den Anbieter ändern kann. Die Preisuntergrenze ist erreicht. Die Marge entsteht nun in der Orchestrierung.

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